Fallstudien · Fallstudie 05 · Community & Markteintritt

„The Truth about eCommerce“: ein Veranstaltungsformat, das in Berlin ohne Budget startete und in San Francisco und New York weiterlief.

2018 kam ich als italienischer Gründer nach Berlin: ohne Netzwerk im deutschen Handel, mit einem Produkt in Entwicklung und mit Deutschkenntnissen auf Alltagsniveau. Statt Kunden hinterherzulaufen, habe ich eine Bühne gebaut: eine Meetup-Reihe für Händler und Gründer, die ehrlich über das spricht, was bei der Digitalisierung schiefgeht. Drei Jahre, zwei Sprachen, vier Städte.

2018–21Laufzeit der Reihe in Berlin, in den Räumen eines Coworking-Partners
2Sprachen der Master Classes: Englisch und Italienisch
4Städte: Berlin, San Francisco, New York, Mailand (Vortrag auf der SMAU 2019)
5,0 / 5durchschnittliche Bewertung der Master Classes durch die Teilnehmenden

Steckbrief

Bereich

Community-Aufbau, Thought Leadership, Sichtbarkeit in einem fremden Markt

Träger

Eigene Initiative, getragen vom Berlin Retail & eCommerce Meetup; Räume über eine Partnerschaft mit WeWork

Format

Vortrag, Fragerunde, Vorstellungsrunde mit „Ask / Share“, Networking; wiederkehrend, offener Aufruf für Themen und Referenten

Zielgruppe

Händler, Gründer, Marketing- und E-Commerce-Verantwortliche; Reisende und Expats als Kundengruppe des lokalen Handels

Budget

Keine Werbung, keine Raummiete: Partnerschaften statt Kosten

Folgen

Vortrag SMAU Mailand 2019, Live-Aufzeichnung in San Francisco (Februar 2019), Buchkapitel in „Digital Food“ (2020), Markenbotschafter eines Immersive-Tech-Summits (2020)

Ausgangslage

Berlin hat eine der dichtesten Start-up- und Handelsszenen Europas, aber sie ist in Sprachgemeinschaften zerfallen: Deutsche, Englischsprachige und Italiener treffen sich selten im selben Raum. Händler sind gegenüber „E-Commerce-Experten“ zu Recht misstrauisch, weil ihnen jahrelang Lösungen verkauft wurden, die nicht funktionierten.

Problem

Wie wird man in einem fremden Markt sichtbar und glaubwürdig, ohne Werbebudget, ohne lokale Referenzen und ohne perfektes Deutsch? Die üblichen Wege, Messestände und bezahlte Reichweite, sind teuer und langsam, und sie machen aus einem Gründer einen weiteren Verkäufer.

Was ich getan habe

  • Ein Format mit Haltung statt mit Produkt: Titel und erste Folie lauteten „Every expert is lying to you“. Drei Community-Regeln: verkaufe, was du liebst; erzähle deine Geschichte; sei ehrlich, wenn etwas schlecht ist.
  • Eine feste Dramaturgie pro Abend: ein Vortrag zu einem konkreten Thema (etwa Reisende als Kunden des lokalen Handels, das EU-Verbot des Geoblockings, Übersetzungskosten gegen kreative Kommunikation), dann Fragen, dann eine Vorstellungsrunde, in der jede Person sagt, was sie sucht und was sie anbietet, dann Networking.
  • Räume über eine Partnerschaft mit einem Coworking-Anbieter statt Miete; Mitgliedervorteile (Branchennews, Rabatte für Veranstaltungen, Jobangebote, Kurse) als Grund, wiederzukommen.
  • Master Classes auf Englisch und auf Italienisch, um die zwei Gemeinschaften zu erreichen, die in Berlin sonst nicht miteinander sprechen.
  • Export des Formats: eine live aufgezeichnete Folge in San Francisco im Februar 2019, eine Ausgabe in New York, derselbe Titel als Vortrag auf der SMAU in Mailand 2019.
  • Jede Ausgabe endete mit einer Bewertung und mit der Frage nach dem nächsten Thema: die Community bestimmte das Programm und schlug eigene Referenten vor.

Ergebnis

Die Master Classes wurden im Schnitt mit 5,0 von 5 bewertet. Das Format wurde zum Türöffner, den kein Werbebudget hätte kaufen können: Einladungen als Referent, ein Buchkapitel, die Rolle als Markenbotschafter eines Technologie-Summits, ein Pop-up-Store in Berlin in Zusammenarbeit mit einer deutschen Großbank. Als in den folgenden Jahren Investoren und Partner gefragt haben, wer hinter dem Produkt steht, war die Antwort schon im Raum.

Was ich anders machen würde

  • Früher aufzeichnen. Nur die Folge in San Francisco wurde live aufgenommen; drei Jahre Inhalte existieren sonst nur in den Köpfen der Teilnehmenden. Heute wird aus jeder Ausgabe ein Artikel oder ein Video, am selben Tag.
  • Das Format war ganz an den Raum gebunden. Als 2020 die Räume schlossen, stand die Reihe still; das Webinar-Format kam zu spät. Ein Format braucht von Anfang an eine zweite Bühne.
  • Die Reihe klarer vom eigenen Produkt trennen. Wo das Produkt auf der Bühne stand, verlor das Format an Glaubwürdigkeit; wo es nur im Gespräch danach vorkam, gewann es.

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